Ein Analysezertifikat – im Englischen Certificate of Analysis, kurz CoA – ist das einzige Dokument, das etwas über eine konkrete Lieferung aussagt. Ein Markenname tut das nicht, ein Herstellername ebenso wenig. Wer ein Analysezertifikat richtig lesen will, muss allerdings wissen, welche Felder überhaupt aussagekräftig sind und welche nur Papier füllen.
Was ein Analysezertifikat leisten soll
Das Dokument ordnet zwei Aussagen einer konkreten Chargennummer zu: Identität und Reinheit. Identität heißt, dass die gelieferte Substanz tatsächlich die deklarierte ist. Reinheit heißt, welcher Anteil der Probe auf die Zielsubstanz entfällt und welcher auf alles andere.
Beides gilt ausschließlich für die untersuchte Charge. Ein Zertifikat aus dem Vorjahr sagt nichts über die Lieferung von heute – selbst wenn Produktname, Hersteller und Gebinde identisch sind. Genau deshalb ist die Chargennummer das erste Feld, auf das zu schauen ist.
Die Pflichtfelder im Überblick
| Feld | Was es aussagt | Warnsignal |
|---|---|---|
| Chargennummer | ordnet das Dokument einer Lieferung zu | fehlt oder ist unleserlich |
| Substanzname und CAS-Nummer | eindeutige Identifikation des Moleküls | nur Handelsname, keine CAS |
| Prüfdatum | Alter der Messung | fehlt, oder Jahre vor dem Kaufdatum |
| Analysemethode | wie gemessen wurde | nur „HPLC“ ohne weitere Angabe |
| Reinheit mit Spezifikation | Messwert und geforderter Grenzwert | Wert ohne Spezifikation |
| Chromatogramm oder Spektrum | Rohdaten zur Messung | fehlt vollständig |
| Prüflabor und Unterschrift | Verantwortlichkeit für die Messung | anonym, ohne Anschrift |
Allgemeine Orientierung zum Aufbau solcher Dokumente – keine Aussage über ein bestimmtes Zertifikat oder eine bestimmte Lieferung.
Reinheit: die Zahl allein sagt wenig
„Reinheit ≥ 99 %“ wirkt eindeutig, ist es aber nicht. Entscheidend sind drei Zusatzangaben, ohne die der Wert nicht einzuordnen ist.
Erstens die Methode. Eine Reinheit aus der Umkehrphasen-HPLC bezieht sich auf die Fläche unter den Peaks im Chromatogramm – also darauf, welcher Anteil des detektierten Materials auf den Hauptpeak entfällt. Substanzen, die der Detektor nicht sieht, tauchen in dieser Rechnung nicht auf. Restlösungsmittel, Wasser oder anorganische Salze bleiben so unsichtbar.
Zweitens die Wellenlänge. Bei UV-Detektion hängt das Ergebnis davon ab, bei welcher Wellenlänge gemessen wurde. Peptide werden üblicherweise bei 214 nm oder 220 nm erfasst, weil dort die Peptidbindung selbst absorbiert. Eine Messung bei 280 nm erfasst dagegen nur aromatische Seitenketten – bei einem Peptid ohne Tryptophan, Tyrosin oder Phenylalanin liefert sie kaum ein Signal.
Drittens die Spezifikation. Ein Messwert ohne den zugehörigen Grenzwert ist eine Zahl ohne Kontext. Erst die Angabe „Spezifikation: ≥ 98 %, Ergebnis: 99,2 %“ macht aus der Messung eine Prüfung.
Identität: Masse schlägt Retentionszeit
Für die Identitätsbestätigung ist die Massenspektrometrie das aussagekräftigere Verfahren. Sie liefert das Molekulargewicht und – bei Fragmentierung – ein Muster, das für die Aminosäuresequenz charakteristisch ist. Eine Retentionszeit aus der HPLC allein reicht dafür nicht: Zwei verschiedene Moleküle können unter denselben Bedingungen zur selben Zeit eluieren.
In der Praxis heißt das: Ein Zertifikat, das nur eine HPLC-Reinheit ausweist, belegt die Reinheit der Probe, aber nicht ihre Identität. Welche Methode was leistet, behandelt der Beitrag HPLC oder Massenspektrometrie ausführlich.
Warum zwei Zertifikate oft nicht vergleichbar sind
Ein häufiger Fehler besteht darin, Reinheitsangaben zweier Anbieter nebeneinanderzustellen und die höhere Zahl für besser zu halten. Das funktioniert nur, wenn dieselbe Methode, dieselbe Wellenlänge und dieselbe Spezifikation dahinterstehen.
- Unterschiedliche Methoden – eine gaschromatographische und eine flüssigchromatographische Messung erfassen nicht dasselbe
- Unterschiedliche Wellenlängen – 214 nm und 280 nm liefern bei demselben Peptid verschiedene Flächenanteile
- Unterschiedliche Bezugsgrößen – Flächenprozent im Chromatogramm ist etwas anderes als Massenprozent der Einwaage
- Unterschiedliche Spezifikationen – 99 % gegen eine Spezifikation von 95 % ist eine andere Aussage als 99 % gegen 99 %
Woran ein wertloses Zertifikat erkennbar ist
Nicht jedes Dokument, das so aussieht, ist eines. Typisch für ein Zertifikat ohne Aussagekraft sind eine fehlende oder generische Chargennummer, ein fehlendes Prüfdatum, ein Reinheitswert ohne Spezifikation und das vollständige Fehlen von Rohdaten. Wie sich gefälschte Dokumente darüber hinaus erkennen lassen, behandelt der Beitrag Gefälschtes Analysezertifikat erkennen.
Ein weiteres Signal ist inhaltlicher Natur: Ein Analysezertifikat trifft keine Aussagen über Wirkung, Eignung oder Anwendung. Enthält ein Dokument solche Formulierungen, ist es kein Prüfbericht, sondern Werbematerial im Gewand eines Prüfberichts.
Was ein Zertifikat nicht leistet
Ein Analysezertifikat bestätigt Identität und Reinheit einer Charge. Es ist keine Zulassung, keine Freigabe für eine Anwendung am Menschen oder Tier und keine Aussage über Wirksamkeit oder Sicherheit. Auch ein einwandfreies Zertifikat ändert nichts daran, dass ein Forschungsreagenz ein Forschungsreagenz bleibt.
Häufige Fragen zum Analysezertifikat
Wie alt darf ein Analysezertifikat sein?
Maßgeblich ist nicht das Alter des Dokuments, sondern ob es sich auf die gelieferte Charge bezieht. Ein Zertifikat zu einer anderen Charge ist unabhängig von seinem Datum ohne Aussagekraft für die Lieferung.
Was bedeutet „Flächenprozent“?
Der Anteil des Hauptpeaks an der Gesamtfläche aller detektierten Peaks im Chromatogramm. Diese Größe bezieht sich auf das, was der Detektor erfasst – nicht auf die Gesamtmasse der Probe.
Warum wird bei 214 nm gemessen?
Weil die Peptidbindung selbst in diesem Bereich absorbiert. Die Messung erfasst damit das Peptidrückgrat und ist nicht darauf angewiesen, dass aromatische Seitenketten vorhanden sind.
Reicht ein Zertifikat des Herstellers?
Das hängt vom Anspruch der jeweiligen Untersuchung ab. Ein Dokument eines unabhängigen Prüflabors hat eine andere Qualität als eine Eigenerklärung; welche Anforderung gilt, entscheidet die Versuchsplanung.
Muss ein Chromatogramm beiliegen?
Verbindlich vorgeschrieben ist das für ein Forschungsreagenz nicht. Ohne Rohdaten lässt sich ein ausgewiesener Wert allerdings nicht nachvollziehen – das Dokument bleibt dann eine Behauptung.
Research Use Only
Die auf dieser Website angebotenen Substanzen sind Forschungsreagenzien für wissenschaftliche Labor- und Analysezwecke. Sie sind nicht zur Anwendung am Menschen oder Tier bestimmt, nicht zur Diagnose, Behandlung oder Vorbeugung von Krankheiten und besitzen keine arzneimittelrechtliche Zulassung. Dieser Beitrag nennt deshalb bewusst keine Dosierungen und keine gesundheitsbezogenen Aussagen.
Quellen und weiterführende Dokumentation
- ISO/IEC 17025 – die internationale Norm für die Kompetenz von Prüf- und Kalibrierlaboratorien
- Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.) – zudem die Referenz für Prüfverfahren und Spezifikationen im europäischen Raum
- PubChem – schließlich die Datenbank zum Abgleich von CAS-Nummern, Summenformeln und Molekulargewichten
Die genannten Normen und Datenbanken beschreiben allgemeine Anforderungen und Stoffdaten. Sie bestätigen weder Identität noch Eigenschaften einer bestimmten Lieferung – dafür ist allein das chargenbezogene Analysezertifikat maßgeblich.
Weiterführend: Analysezertifikate zu allen Chargen · Was Research Use Only bedeutet · Peptid-Rechner
